Die Automobilindustrie in Portugal 

Die portugiesische Automobilindustrie zählt zu den wichtigsten industriellen Säulen des Landes und ist stark exportorientiert. Obwohl Portugal keine eigenen Pkw-Marken besitzt, hat es sich zu einem bedeutenden Produktions- und Zulieferstandort für Europa entwickelt — insbesondere in den Bereichen Fahrzeugmontage, Komponentenfertigung, elektrische Mobilität und Automotive-Software.
Mehr als 98 % der in Portugal produzierten Fahrzeuge gehen in den Export, wodurch die Branche eng an die europäische Nachfrage gekoppelt ist.

 

1. Struktur & Bedeutung der Branche

Industrieprofil

Die portugiesische Automobilindustrie besteht aus drei Hauptbereichen:

1) Fahrzeugproduktion

    • Volkswagen Autoeuropa (Palmela)
      Das größte Automobilwerk Portugals und einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes.
      Produktion v. a.:

      • VW T-Roc (aktuelles Kernmodell, hoher Exportanteil)

      • VW Sharan (bis Produktionsende)
        Autoeuropa ist für bis zu 1 % des portugiesischen BIP verantwortlich.

    • Stellantis Mangualde
      Produziert leichte Nutzfahrzeuge:

      • Citroën Berlingo

      • Peugeot Partner

      • Opel Combo

      • Toyota ProAce City
        Das Werk gewinnt zunehmend an Bedeutung durch elektrische Transporter-Varianten.

2) Komponenten- und Zulieferindustrie

Über 350 Zulieferbetriebe sind im Land aktiv, darunter Hochkompetenzcluster in:

    • Braga

    • Aveiro

    • Porto

    • Setúbal

Wichtige Produktgruppen:

    • Kabelbäume & Elektronik

    • Fahrwerkskomponenten

    • Automotive-Software

    • Kunststoff- und Metallteile

    • Batteriemodule (zunehmend)

3) Automotive Tech & Software

Portugal positioniert sich stark im Bereich:

    • Embedded Systems

    • Automotive Software Development

    • Testing & Quality Engineering

    • IoT-Lösungen für Mobilität

Regionen wie Porto und Lissabon entwickeln sich zu Software-Hubs für Automotive-Innovationen.

 

2. Arbeitsmarkt & wirtschaftliche Bedeutung

  • Über 130.000 Beschäftigte arbeiten in autoindustriellen Tätigkeiten.

  • Die Automobilindustrie ist für ca. 11 % der gesamten Warenausfuhren Portugals verantwortlich.

  • Löhne und Produktionskosten sind im EU-Vergleich moderat, was internationale OEMs anzieht.

  • Hohe Abhängigkeit vom EU-Export verursacht jedoch Krisenanfälligkeit bei Nachfrageeinbrüchen.

 

3. Transformationsdruck & Herausforderungen

1) EU-Verbrenneraus (2035)

Portugal produziert derzeit hauptsächlich:

    • kompakte Crossover/SUVs (VW)

    • leichte Nutzfahrzeuge (Stellantis)

Die Umstellung auf Elektroplattformen erfordert:

    • neue Produktionslinien,

    • neue Qualifikationen im Arbeitsmarkt,

    • tiefgreifende Modernisierung vieler Zulieferer.

2) Abhängigkeit von wenigen Großwerken

Nur zwei große Fahrzeugwerke dominieren — dies birgt Risiken:

    • Produktionsverlagerungen könnten massive Auswirkungen auf die Region haben.

    • Investitionsentscheidungen der Mutterkonzerne sind entscheidend für die Zukunft.

3) Fachkräftemangel

Dank des Booms in IT, Start-ups und Nearshoring kommen:

    • Softwareentwickler,

    • Mechatroniker,

    • Elektroniker
      unter Druck, da viele Fachkräfte ins Ausland abwandern oder in höhere Lohnsektoren wechseln.

    •  

4. Chancen & Zukunftsperspektiven

1) Elektromobilität als Wachstumsmotor

Portugal investiert stark in:

    • Ladeinfrastruktur,

    • Batterieprojekte,

    • Elektrifizierung der Stellantis-Transporterlinien.

Insbesondere leise Nutzfahrzeuge gelten als Marktsegment mit hoher Wachstumsperspektive.

2) Batterie-Wertschöpfungskette

Durch die in Portugal vorkommenden Lithiumvorkommen bestehen Perspektiven für:

    • Lithiumabbau (umstritten, aber strategisch),

    • Batterierecycling,

    • Batteriekomponentenfertigung.

3) Nearshoring-Trend in Europa

Portugal profitiert vom Wunsch europäischer OEMs:

    • Teilefertigung näher an Europa zurückzuführen,

    • stabile Lieferketten aufzubauen (Post-COVID).

4) Starker Software- und IT-Sektor

Portugal entwickelt sich zur Softwareschnittstelle zwischen:

    • klassischen Automobilzulieferern,

    • Elektrofahrzeugherstellern,

    • Mobilitätsdienstleistern.

    •  

5. Politische & wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die portugiesische Regierung unterstützt die Branche durch:

  • Steuervergünstigungen für Automotive-Investitionen,

  • Förderprogramme für E-Mobilitätsprojekte,

  • Infrastrukturprojekte (Häfen, Schienenanbindungen),

  • Programme zur Ausbildung in Mechatronik & E-Mobilität.

 

6. Ausblick 2025–2030

Die Automobilindustrie Portugals wird sich voraussichtlich wie folgt entwickeln:

1) Wachstum in der E-Transporterproduktion

Stellantis plant eine deutliche Ausweitung von Elektro-Nutzfahrzeugen.

2) Autoeuropa vor strategischen Entscheidungen

Für 2026+ ist offen, welche nächsten Modelle VW in Portugal ansiedelt — dies wird den Kurs der Branche maßgeblich beeinflussen.

3) Ausbau der Entwicklungs- und Softwarekapazitäten

Portugal kann sich als Tech-Hub für Mobilität weiter etablieren.

4) Zulieferer müssen sich transformieren

Firmen, die vor allem Verbrennerkomponenten produzieren, stehen vor großem Investitionsbedarf.


 

Unser Fazit:

Portugal ist ein hochrelevanter Automotive-Standort in Europa — stark exportorientiert, kostenattraktiv und zunehmend technologisch. Die Abhängigkeit von wenigen großen Produktionsstätten stellt jedoch ein strukturelles Risiko dar. Die Transformation hin zur Elektromobilität eröffnet gleichzeitig große Chancen, insbesondere im Nutzfahrzeugsegment, in der Softwareentwicklung und in der möglichen Integration in die europäische Batterie-Wertschöpfungskette.

Wenn Portugal die laufende Transformation aktiv gestaltet, kann es seine Rolle als wichtiger europäischer Automotive-Hub langfristig sichern.